Cello-Meister Tomáš Jamník ist neuer künstlerischer Garant des Festivals Lípa Musica

Er gehört zu den besten tschechischen Cellisten, ist ein aktiver Mentor jüngerer Musiker-Generationen und nicht zuletzt ein unermüdlicher Förderer der klassischen Musik. Als Visionär und treibende Kraft ist er an so vielen spannenden Projekten beteiligt, dass man darüber einen eigenen Artikel schreiben könnte. Vor allem aber ist er ein treuer und lieber Gast des Festivals. Die langjährige Zusammenarbeit von Tomáš Jamník mit dem internationalen Musikfestival Lípa Musica kulminiert nun darin, dass er persönlich im Mittelpunkt des 24. Jahrgangs steht.

Die Hauptrolle spielt das Violoncello

Wie kann man Tomáš Jamník einem unkundigen Leser vorstellen? Er ist 40 Jahre alt, hat an der Akademie der Berliner Philharmoniker studiert, gewann vor Jahren den Wettbewerb des Prager Frühlings und kommt ruhig auch zu einem Wohnzimmerkonzert vorbei. Seine Rolle als künstlerischer Garant rückt das Cello ins Rampenlicht. Man sagt darüber, dass sein Klang der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Mit seinem honigsüßen, warmen und resonanten Ton vermag es das Cello, eine tiefe Palette an Emotionen und Nuancen ganz ohne Worte auszudrücken.

Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass die künstlerischen Garanten ihr Instrument in möglichst bunter Vielfalt vorstellen möchten – über Epochen hinweg und in verschiedenen Lagen. Das Violoncello glänzt nicht nur im Orchester, sondern auch in kammermusikalischen Formationen. Und es gibt wunderbare Werke, in denen es ganz für sich allein steht. Den Auftakt zu Jamníks Mitwirkung als künstlerischer Garant bildete das Festkonzert zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in der Kirche Mariä Heimsuchung in Hejnice. Er wird aber auch in weiteren Rollen zu erleben sein. Lípa Musica ist für Tomáš Jamník eine Herzensangelegenheit, und das Angebot, Garant zu werden, nahm er mit Leichtigkeit an.

Ich bewundere, mit welcher Sorgfalt Lípa Musica kulturelles Leben in die Adern der gesamten Region fließen lässt. An diesem Blutkreislauf nehme ich bereits zum vierten Mal teil – diesmal in der Funktion als dramaturgischer Garant. Es war für mich sehr einfach, diese Rolle anzunehmen – in der Person von Martin Prokeš sehe ich einen Profi, der sein persönliches wie künstlerisches Leben ganz dem Festival widmet. Ebenso hervorragend ist das gesamte Team, das das Festival umsetzt. Für mich ist das eine große Inspiration.“

Was die Programmgestaltung betrifft, ist Jamník als Gründer der Otakar-Ševčík-Akademie und des zugehörigen Festivals kein Neuling. Wohl gerade deshalb hat er sich mit großer Energie in die Gestaltung der Dramaturgie eingebracht und daran maßgeblich mitgewirkt.

Dramaturgie ist Drama

In den letzten Jahren bemühen sich die Festivalveranstalter um etwas, was es früher nicht gab – die Konzerte thematisch miteinander zu verknüpfen, wie einzelne Pflanzen zu einem reichen und bunten Blumenstrauß. Letztes Jahr widmeten wir uns mit Jiří Pavlica dem Thema „Einklang“. Vorletztes Jahr mit Jitka Čechová lautete das Motto „Klavier mit allen Sinnen“. Dieses Jahr ist das Thema mit Tomáš Jamník die Suche nach Humanität unter dem Motto Musik, Menschlichkeit… Wie man sieht, kann dieser thematische Überbau sowohl tiefgründig als auch praktisch orientiert sein. Doch wer hat eigentlich das Sagen?

Eine Art graue Eminenz des Lípa Musica Festivals ist sein künstlerischer Beirat. Er ist das kreative Gehirn im Hintergrund, das normale Besucher nicht zu Gesicht bekommen. Doch seine Vision ist entscheidend.

Die Aufgabe des künstlerischen Beirats ist es, Aufführungen auszuwählen, die das Publikum begeistern und den Grundton des Festivals setzen. Er beobachtet Trends, denkt über die Atmosphäre nach und versucht, eine ideale Balance zwischen bekannten Namen und frischen Talenten zu finden. Er achtet nicht nur auf hohe interpretatorische Qualität, sondern auch auf die sorgfältige Auswahl der aufzuführenden Werke, deren Neuigkeit und Wert. Ebenso werden die örtlichen Konzertstätten sowie ihre räumlichen und akustischen Möglichkeiten berücksichtigt.

Diese Architekten der Kulturerlebnisse sind Fachleute aus der Region Česká Lípa ebenso wie aus dem kulturellen Zentrum der Republik, Prag. Dank ihrer fundierten Ausbildung, theoretischen und praktischen Musikkenntnisse sowie ihrer Berufserfahrung garantieren sie fundierte Entscheidungen.

„Ich habe den künstlerischen Beirat, damit ich nicht blind werde. Nach über 20 Jahren kann das nämlich passieren“, sagt Martin Prokeš, Gründer und Direktor des Festivals. Er hat Gesang studiert und war viele Jahre Manager des Ensembles Schola Gregoriana Pragensis, mit dem er auch auftrat. Wer gehört also zum künstlerischen Beirat von Lípa Musica?

Lucie Maňourová ist Musikwissenschaftlerin, Cembalistin und Musikpublizistin. Als Leiterin des Kundenservices der Tschechischen Philharmonie hat sie Zugang zu unserem Spitzenorchester und kann sich von den Besten inspirieren lassen. Martin Rudovský, Musikwissenschaftler, Pädagoge und Chorsänger, wirkt u. a. auch als Dramaturg des Prager Sinfonieorchesters FOK. Im letzten Jahr wurde das Trio durch Tomáš Cidlina, Historiker, Publizist und Verleger ergänzt. Er arbeitet als Kurator des Heimatkundemuseums Česká Lípa und konzentriert sich auf die deutsch-tschechischen Beziehungen sowie die regionale Geschichte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der künstlerische Beirat trifft sich mehrmals jährlich und erarbeitet schrittweise das Festivalprogramm – von Wunschvorstellungen bis hin zur realistischen Umsetzung. Dabei spielen nicht nur die finanziellen Möglichkeiten des Festivalbudgets eine Rolle, sondern auch das Renommee des Festivals und insbesondere die terminlichen Verfügbarkeiten der angefragten Künstler. In der Welt der klassischen Musik (aber nicht nur dort – selbst Rockbands kündigen ihre Tourneen ein Jahr im Voraus an) werden Engagements mitunter zwei oder drei Jahre im Voraus vereinbart. Die beliebtesten, brillantesten Musiker sind überall gefragt. Und dank der offenen Welt und Flugverkehr können sie auch überall auftreten. Daher muss man sie frühzeitig „einfangen“, bevor es die Konkurrenz tut.

Es ist also keine Seltenheit, dass man sich während der laufenden Festivalsaison nicht nur über das fertige nächste, sondern bereits über das übernächste Jahr Gedanken macht. Vom ersten Traum eines Auftritts der amerikanischen Opernsuperstar Joyce DiDonato bis hin zum ausverkauften F.-X.-Šalda-Theater vergingen schließlich mehr als vier Jahre.

Wo passt Tomáš Jamník da hinein?

Was macht ein künstlerischer Garant oder Residenzkünstler eigentlich genau? Die Zuschauer können sich natürlich auf mehrere seiner eigenen Auftritte in verschiedenen interpretatorischen und dramaturgischen Positionen freuen – von Solo-Recitals über Kammermusik bis hin zu Sonderprojekten, die seine Vision widerspiegeln, wie klassische Musik heute das Publikum ansprechen sollte. Der künstlerische Garant ist auch eine Persönlichkeit mit Ausstrahlung und Autorität. Er gestaltet zusammen mit dem künstlerischen Beirat die Dramaturgie und bringt dabei seine Tipps und Erfahrungen von tschechischen wie internationalen Bühnen ein. Seine Persönlichkeit spiegelt sich im Thema des Jahrgangs wider. Als professioneller Musiker hat er eine einzigartige Perspektive auf künstlerische Entscheidungen. Dank seiner Kontakte kann er bedeutende Künstler aus dem In- und Ausland für eine Zusammenarbeit gewinnen, was die Attraktivität und das Prestige des Programms steigert. Als Garant und Gesicht des jeweiligen Jahrgangs ist er nicht nur auf der Bühne aktiv, sondern auch hinter den Kulissen präsent.

Martin Prokeš lobt Jamníks unglaubliche Bescheidenheit, seine Bereitschaft zuzuhören und wie viel persönliche Zeit er dem Festival Lípa Musica gewidmet hat:

Die Idee, Tomáš als künstlerischen Garant einzuladen, stand schon länger im Raum. Abgesehen davon, dass er ein hervorragender Musiker mit all den erwähnten übergreifenden Aktivitäten ist, ist sein Zugang zur klassischen Musik sehr progressiv und modern. Es ist sympathisch, wie sehr er sich für die Sache zurücknehmen kann. Das ist wahre Meisterschaft. Und natürlich kommt noch die menschliche Harmonie dazu.“

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