Die Musik ist weiblich!

Mit einem einwortigen und verständlichen Untertitel geht das Festival Lípa Musica in seinen 25. Jubiläumsjahrgang. Er lautet: Frau. Diese Ausrichtung, der dramaturgische Fokus auf Frauen und ihre Rolle in der Kunst sowie in unserem Leben, ist zugleich introspektiv und nachdrücklich. Das Festival sucht, welche Bedeutung das weibliche Prinzip für sein eigenes Selbstverständnis hat, und macht zugleich darauf aufmerksam, dass Musik – auch die klassische – kein Männerclub ist. Die Rolle der Frauen in der Musik ist einzigartig, prägend und bedeutend, wird jedoch häufig übersehen und bleibt im Schatten der großen Meister. Doch es gibt nicht nur il Maestro, sondern auch la Maestra. Und nicht nur eine – vielmehr eine ganze Vielzahl von ihnen.

„Frauen traten in der Musikgeschichte als Mäzeninnen, Komponistinnen, Interpretinnen, Heldinnen und Musen in Erscheinung und blieben dennoch lange außerhalb jenes offiziellen Kanons des ‚Besten‘ der Musikgeschichte, der sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hat. Es mag kaum zu glauben sein, dass manche Lehrbücher der Musikgeschichte bis vor Kurzem die von Frauen komponierte Musik überhaupt nicht erwähnten.“

Jana Semerádová

Frau. Das Motto lautet Frau mit Punkt, nicht mit Ausrufezeichen oder Fragezeichen. Es braucht weder Pomp noch Unsicherheit oder Rechtfertigung. Ebenso wenig bedarf es besonderer Betonung oder demonstrativer Hervorhebung. Es geht schlicht um die Frau als Interpretin, als Komponistin, als Schaffende und Inspirierende. Kurz gesagt: Frau. Punkt. Nicht als programmatische Abgrenzung, sondern als selbstverständlicher und gleichberechtigter Teil der Musikwelt. Es geht nicht darum, als Gegenstück zum „Männerclub“ ein „Frauenghetto“ zu schaffen. Frauen werden beim Festival als Interpretinnen, Autorinnen und Heldinnen präsent sein, ebenso aber wird das männliche Element im Programm seinen Platz haben – und Frauen als Musen und Quelle der Inspiration. Der 25. Jahrgang des Festivals huldigt die Frauen, dankt ihnen und macht auf ihren Beitrag, ihre Rolle und ihre Bedeutung aufmerksam.

„Eigentlich wäre es besser, wenn ein solches Thema nicht nötig wäre. Wenn wir nicht alle innerlich spüren würden, dass Frauen immer noch hervorgehoben und das weibliche Prinzip weiterhin besonders betont werden müssen. Die Frau ist Kraft, aber auch Zerbrechlichkeit. Damit sich ihre lebensspendende Kraft entfalten kann, braucht es männliche Fürsorge und Schutz. Der Jahrgang 2026, der weibliche Jahrgang, wird daher nicht nur die Frau und all ihre Facetten spiegeln, sondern auch nach männlichem Respekt, nach dem fürsorglichen Mann und damit nach dem ersehnten Gleichgewicht suchen …“

Martin Rudovský

Die Beschäftigung mit dem weiblichen Prinzip in der Kunst erschien bereits während der ersten Sitzung des Künstlerischen Beirats als tragfähige und inspirierende Idee, als über das Programm und die Ausrichtung des Jubiläumsjahrgangs diskutiert wurde. Ohne dass es laut ausgesprochen worden wäre, war das Thema des weiblichen Elements, Zugangs und Prinzips bereits in dem Moment definiert, als Festivaldirektor Martin Prokeš dem Künstlerischen Beirat den Namen der künftigen künstlerischen Garantin vorstellte: die Flötistin Jana Semerádová. Diese herausragende Persönlichkeit der tschechischen klassischen und Alten Musik trägt viele Ehrentitel – vor allem aber besitzt sie eine außergewöhnliche Ausstrahlung und persönliche Stärke.

Das Motiv ist so breit und vielschichtig, dass selbst die Mitglieder des Künstlerischen Beirats, obwohl sie sich darin einig sind, jeweils leicht unterschiedliche Akzente setzen. Wie nehmen sie also das Festivalthema wahr?

Die Frau als Quelle, die die Welt zusammenhält. Als Inspiration, Mut und Ruhe zugleich. Sie ist geschaffen für eine tiefe Wahrnehmung von Erlebnissen, Musik eingeschlossen, sei es als Komponistin, Interpretin oder Zuhörerin. Die Musik gehört zu ihr; schließlich ist das Wort Musik weiblich. Ein Festivaljahrgang, der in Zusammenarbeit mit Jana Semerádová konzipiert wurde, kann gar nicht anders als außergewöhnlich sein. Zur gleichen Kategorie zählen jedoch auch Terezie Fialová, Beata Hlavenková, Hana Blažíková, die Künstlerinnen des Projekts Alma Rosé, die Musikerinnen des Kalabis Quintetts sowie das renommierte Ensemble Collegium Vocale Gent unter der Leitung der tschechischen Sängerin und Musikwissenschaftlerin Barbora Kabátková. Ich freue mich auf einen Herbst unter weiblicher Regie!

Lucie Maňourová