Jana Semerádová: Volksmusik fasziniert mich
Eine der prägendsten Persönlichkeiten der europäischen Alte-Musik-Szene, die Flötistin Jana Semerádová, kehrt erneut zum Festival Lípa Musica zurück. Diesmal in ungewohnter Konstellation – Ihr Ensemble Collegium Marianum trifft auf das Ensemble Flair unter der Leitung des Zymbalspielers Jan Rokyta. Gemeinsam mit ihnen kehrt Lípa Musica an einen der malerischsten Orte des Lausitzer Gebirges, den geliebten Oybin, zurück.
Flötistin von Weltrang, Dirigentin, Musikwissenschaftlerin, Ritterin des französischen Ordens für Kunst und Literatur – Jana Semerádová verkörpert die Tiefe und Lebendigkeit der Barockmusik. Für das Publikum des Festivals Lípa Musica ist sie keine Unbekannte: Regelmäßig tritt sie hier als künstlerische Leiterin des Spitzenensembles Collegium Marianum auf, das seit 1997 das tschechische und mitteleuropäische Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts zum Leben erweckt. In diesem Jahr zeigt sie sich in einem etwas anderen Licht – mit einem Programm, das stilistische Grenzen sprengt und die Nähe von Barock und Volksmusik hörbar macht.
In der idyllischen Kulisse von Oybin wird das Collegium Marianum gemeinsam mit dem Ensemble Flair auftreten – einer mährisch-schlesischen Formation unter Jan Rokyta, die sich sowohl der Pflege der authentischen Volksmusik als auch genreübergreifenden Klangexperimenten widmet. Die Zusammenarbeit der beiden Ensembles entstand ganz natürlich – aus gegenseitiger Faszination dafür, wie eng sich die musikalischen Sprachen von Barock und Volksmusik gegenseitig beeinflusst haben. Das Ergebnis ist ein Programm zwischen Komposition und Improvisation, bei dem die Notenschrift nur als Rahmen für Ornamentik, Spontaneität und Dialog dient.
Wie entsteht ein solches Projekt und was passiert, wenn eine barocke Partitur auf ein Haná-Volkslied trifft? Und wie fühlt es sich an, die „orthodoxe Klassik“ zu verlassen und in die Welt volkstümlicher Melodien und freier Improvisation einzutauchen? Wir haben direkt Jana Semerádová gefragt.
Wie gefällt Ihnen die Position jenseits der klassischen Renaissance- und Barockmusik? Haben Sie eine persönliche Nähe zur Volksmusik, oder ist das eher ein seltener Exkurs?
Die Volksmusik fasziniert mich. Für mich ist das nicht nur ein Exkurs, sondern vielmehr eine ganz natürliche Erweiterung meines künstlerischen Schaffens. Barockmusik und Volksmusik haben vieles gemeinsam – von der Melodik über die rhythmische Flexibilität bis hin zum spontanen Ausdruck. In historischen Quellen zeigt sich oft, dass sich höfische und bürgerliche Musik stark von der Volksmusiktradition inspirieren ließen und umgekehrt. Wenn ich mich der Barockmusik widme, nehme ich sie deshalb manchmal fast als eine „künstlerische Variante“ der Volksmusik wahr.
Wie kam es zu Ihrer musikalischen Begegnung mit Jan Rokyta und dem Ensemble Flair? War das Ihre Idee oder seine?
Ich glaube, wir hatten beide denselben Gedanken! Jan Rokyta und ich teilen schon lange eine Bewunderung für Musik, die sich zwischen den Genres bewegt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich unsere Wege kreuzen würden. Das Ensemble Flair beeindruckt mich sehr: Es schafft es, Volksmusik mit modernen musikalischen Mitteln zu verbinden, ohne dabei an Authentizität zu verlieren. Das inspiriert mich ungemein.
In der Konzertankündigung ist von einer „Barock-Jam-Session“ zwischen Collegium Marianum und dem genreübergreifenden Ensemble Flair die Rede. Dürfen wir wirklich mit etwas völlig Unerwartetem rechnen? Entsteht hier etwas ganz Neues, Ungeprobtes, Nichtnotiertes, also etwas, was wirklich ein Produkt des Augenblicks ist?
Ja, genau das! Bei diesem Konzert bewegen wir uns an der Grenze zwischen komponierter und improvisierter Musik. Collegium Marianum ist zwar an historisches Notenmaterial gewöhnt, doch basiert Barockmusik im Grunde auf Improvisation. Die Notenschrift dient als Leitfaden, aber erst durch zeitgemäße Ornamentik und eigene Einfälle erwachen barocke Kompositionen in einer verständlichen Sprache richtig zum Leben.
Mit dem Ensemble Flair öffnet sich ein weiterer Horizont: ein Dialog zwischen Struktur und Freiheit – die Hanakenmusik von Telemann im Kontext von Liedern aus Ivanovice na Hané oder Kelč bekommt eine ganz neue Tiefe. So wie Telemann seinerzeit von Volksmusik inspiriert war, die er bei Volksfesten in Schlesien hörte und die ihn ein Leben lang prägte. Auch wir lassen uns von Musiker*innen inspirieren, in denen die Volksmusik bis heute lebt – beim Konzert in Oybin dürfen wir uns auf ein einmaliges Erlebnis freuen. Es wird sicher auch etwas erklingen, das nicht in den Noten steht und das sich in dieser Form nie wiederholen wird.
Am Freitag, den 27. Juni, eröffnen wir den Sommer mit einem Konzert in einzigartiger Atmosphäre – zwischen den Mauern einer gotischen Kirche und unter dem Sternenhimmel. Wer sich verwöhnen lassen möchte, kann bequem mit dem Festivalbus anreisen und diesen unvergesslichen Abend ganz entspannt genießen.