Was haben eine Orgel, Oybin und ein Radlader gemeinsam?
„In meinem Leben habe ich noch nie eine Orgel mit einem Traktor auf eine gotische Burgruine transportiert“, lachte der Produktionsleiter des Festivals Lípa Musica, David Pešek, der sich die idealen Wetterbedingungen deswegen nicht vorstellen konnte. Damit die Musikerin und Komponistin Katta ihren „Sommerprolog unter den Sternen“ auf dem Oybin spielen konnte, mussten ihre Orgel und die gesamte Technik bei extremer Hitze auf das Sandsteinmassiv hinaufgebracht werden.
„Letztes Jahr waren zwar mehr Musiker hier, aber das größte Instrument war damals das Zymbal von Herrn Rokyta“, erinnerte sich Produktionsassistent Ondřej Pour. Auch er ahnte zunächst nicht, wie Kattas weiße und ikonische Orgel transportiert werden sollte.
So unangenehm die Temperaturen von 35 Grad Celsius für alle Beteiligten waren, die das Konzert rund acht Stunden vor Beginn vorbereiteten, ein Regen hätte noch weitaus größere Schwierigkeiten verursacht.
Ein Radlader mit voll beladenem Anhänger fuhr vom Parkplatz den steilen Hang zum 514 Meter hohen Gipfel hinauf. Er passierte das Burg- und das Turmtor, begegnete überraschten Touristen, die hastig zur Seite sprangen, und singende Kindergartenkinder, die sich von diesem ungewöhnlichen Anblick weder aus der Ruhe noch aus dem Takt bringen ließen.
Der erfahrene Fahrer ließ zudem die Frontschaufel mit Gepäck bis zum Rand beladen. Dadurch verringerte sich das Risiko, dass das Fahrzeug beim Überfahren von Unebenheiten oder Entwässerungsrinnen kippt. Dennoch hoben sich die Vorderräder des Radladers bedenklich ab.
„Da es sich um eine elektronische Orgel handelt, transportieren wir sowohl die Lautsprecher als auch die gesamte Tontechik. Und ich trage gerade die Beleuchtung hinauf, damit alles schön beleuchtet ist“, erklärte Uzi aus Kattas Produktionsteam. „Ich habe mir heute Nacht schon ein paar Gedanken gemacht, wie wir das alles schaffen sollen. Aber bisher läuft alles nach Plan“, gestand er mit Blick auf den Transport der mobilen Orgel, die Katta eigens anfertigen ließ, damit sie an ähnlich außergewöhnlichen Orten erklingen kann.
Ein rund zehnköpfiges Team lud im Burghof Kisten unterschiedlichster Größe, Form und Gewichts aus dem Anhänger aus. Anschließend mussten sie diese von Hand die Treppen hinauf bis zum Konzertraum tragen. An diesem Tag war das wirklich Schwerstarbeit. Schließlich erreichten sie die letzten Stufen, an deren Ende sich der Blick in die imposante Kirchenruine öffnete, in der später das ausverkaufte Konzert stattfand.
Hier boten die Mauern zwar kurzzeitig Schutz vor der erbarmungslosen direkten Sonneneinstrahlung, nicht jedoch vor der Hitze. Durch das fehlende Dach und die Spitzbogenfenster ohne Glas drang der wolkenlose blaue Himmel bis hierher vor. Der einzige Ort, an dem sich das immer stärker durchgeschwitzte Team ausruhen und neue Kräfte sammeln konnte, war die kühle Krypta.
„Das ist die sogenannte Unterkirche, wo die Künstlerin ihren Backstagebereich und Rückzugsort vor der Hitze hat. Es ist wohl der angenehmste Raum der gesamten Burg“, erklärte Ondřej Pour, der sich mit einem kalten Handtuch im Nacken abkühlte.
Während der heißesten Stunden des Tages bewältigte der Radlader den abenteuerlichen Anstieg gleich dreimal. Hinter ihm stiegen die Mitglieder von Kattas Team und des Festivals Lípa Musica unermüdlich den Weg entlang der Felswand auf und ab. Nach und nach füllte sich das Kirchenschiff mit Boxen, Kabeln, Transporthülsen und Technik.
Am frühen Abend brachte die Organistin Katta außerdem ein brandneues Organetto in die Burg- und Klosteranlage Oybin. Das Instrument wurde für sie von Albert Blancafort gebaut, dem katalanischen Orgelbauer, der unter anderem auch die Orgel für die Kirche Sagrada Família in Barcelona herstellte.
„Als Albert mir das Instrument übergab, sagte er, ich müsse bei seiner Einweihung ein geheimes Ritual durchführen“, verriet Katta nach dem Konzert. Teil dieser feierlichen Segnung des neuen Instruments mit einer tibetischen Klangschale wurden auch die Besucher, die an diesem tropischen Sommerabend gekommen waren, um Katta auf dem Oybin zu erleben – ob ihnen dieses geheimnisvolle Ritual bewusst war oder nicht.

